Magdeburg, 21. November 2025
In den am 21. November 2025 veröffentlichten Lagebildern des Bundeskriminalamtes und des Bundesjustizministeriums zeigt sich erneut eine dramatische und besorgniserregende Entwicklung: Die Zahlen zu häuslicher Gewalt und geschlechtsspezifischer Gewalt steigen weiter – und sie verdeutlichen, dass Deutschland beim Schutz von Frauen* und Mädchen* noch immer weit zurückliegt.

Im Jahr 2024 wurden 265.942 Opfer häuslicher Gewalt registriert – ein erneuter Anstieg zum Vorjahr. Besonders alarmierend: 171.069 Personen waren von Partnerschaftsgewalt betroffen.

Das bedeutet einen erneuten Zuwachs von 1,9 %, wobei 80 % der Betroffenen weiblich sind. Gewalt im sozialen Nahfeld bleibt damit eines der größten Sicherheitsrisiken für Frauen* und Mädchen* in Deutschland. Zwar ist bei Tötungsdelikten ein leichter Rückgang erkennbar – doch angesichts von 308 getöteten Frauen* und Mädchen* bleibt die Zahl erschütternd hoch. Da es weiterhin keine bundeseinheitliche Definition von „Femizid“ gibt, werden Fälle nicht systematisch als geschlechtsbezogene Tötungen erfasst. Als Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt ordnen wir mindestens 132 getötete Frauen* und Mädchen* durch Partnerschaftsgewalt eindeutig als Femizide ein. Mit 18.224 betroffenen Frauen* und Mädchen* stieg die digitale Gewalt im Jahr 2024
um 6,0 %. Digitale Gewalt ist inzwischen im Kontext von (Ex-)Partnerschaftsgewalt ein häufig eingesetztes Mittel - als Kontrollinstrument, zur Überwachung und als Mittel zur Einschüchterung. Besonders alarmierend ist der Anstieg frauenfeindlicher Straftaten im Bereich der Politisch motivierten Kriminalität (PMK). Hier verzeichnet das Lagebild eine Zunahme um 73,3 % auf 558 Delikte. Diese Entwicklung zeigt: Frauenfeindlichkeit ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem, sondern auch ein wachsendes politisches und extremistisches Risiko.
Misogynie fungiert zunehmend als Radikalisierungsbeschleuniger und verbindet extrem rechte, religiös-fundamentalistische und ideologisch motivierte Tätergruppen. Dazu die Vorsitzende des Landesfrauenrates Michelle Angeli: „Kurz vor dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen zeigt sich erneut: Gewalt gegen Frauen* und Mädchen* in Deutschland bleibt auf einem alarmierend hohen Niveau. Diese Zahlen müssen ein Weckruf sein. Gewaltprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir brauchen Täter*innenarbeit, Aufklärung und Präventionsarbeit ab der Kita – und zwar flächendeckend und dauerhaft.“

Studien zeigen: Kinder, die häusliche Gewalt miterleben, sind im Erwachsenenalter besonders gefährdet, erneut Opfer oder selbst Täter zu werden. „Wenn wir diese Gewaltspirale durchbrechen wollen, müssen wir Rollenklischees hinterfragen, Machtstrukturen durchbrechen und patriarchale Denkmuster konsequent abbauen.“
Der Landesfrauenrat begrüßt den Beschluss der Bundesregierung zur Reform des Gewaltschutzgesetzes sowie die Einführung der elektronischen Aufenthaltsüberwachung (eAÜ) in Fällen häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt. Gleichzeitig betonen wir: Eine elektronische Fußfessel ist nur dann wirksam, wenn sie Teil eines umfassenden, interdisziplinären und strukturell abgesicherten Gewaltschutzsystems ist. Ohne begleitende Strukturen bleibt sie Symbolpolitik. Für einen gesicherten Gewaltschutz fordert der Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt daher:
verbindliche Risikofallanalysen, verpflichtende Täterarbeit, spezialisierte Schulungen in Justiz und Polizei, ein flächendeckendes und ausfinanziertes Hilfesystem, die konsequente Umsetzung der Istanbul-Konvention, die Anerkennung digitaler Gewaltformen im Strafrecht, Aufklärungsarbeit von der Kita an, Aufbrechen von Rollenbildern, Zivilcourage und Verantwortung im sozialen Umfeld und Solidarität mit Betroffenen. 

Diese Pressemitteilung als pdf: PM-Lagebild-2024